Ästhetisierung der Politik

 

Das Postfaktische regiert den politischen Diskurs. Nicht nur Fake-News, auch deren kritische Analysen zirkulieren in der medialen Öffentlichkeit – man denke nur an die literaturwissenschaftlichen Essays von Thomas Strässle (2019) und Heinrich Detering (2019). Die neue Aufmerksamkeit um die politische Erzählkunst rührt wohl auch daher, dass sie vermehrt aus dem narrativen Fundus von Halbwahrheiten schöpft, die die Grenzziehung von Fakt und Fiktion unterlaufen – und dadurch zur Reflexion über diese prekäre Grenzziehung anregen. Wenn der linke Feuilleton-Philosoph Slavoj Zizek angesichts der neuen Unübersichtlichkeit im politischen Diskurs in der NZZ den «Tod der Wahrheit» (Zizek 2018) proklamiert, zeigt sich, dass mit dem diskursiven Phänomen des Postfaktischen auch das ontologische Fundament des Politischen erodiert. Halbwahrheiten stellen also nicht nur infrage, wie im politischen Diskurs gesprochen wird, sondern auch, was die soziale Grundlage des Sprechens ist. Der erste Teil untersucht die narrativen Verfahren rechtspopulistischer Diskurse, mithilfe derer die Wahrheit in der Politik verhandelt wird.

Kontextuelle Rahmung: Medien, Subjekte und Machtordnungen

Der Schwerpunkt der ersten Teilstudie in einer literatursoziologischen Feldanalyse der Produktions- und Distributionsbedingungen rechtspopulistischer Narrative. Zentrale Fragestellungen sind hier, wie die Narrative durch das klassische Zeitschriften- und Verlagswesen vermittelt und ob diese durch neue digitale Formate beeinflusst werden, welche Austauschbeziehungen zwischen literarischem und politischem Feld bestehen, welche Rolle Gruppenbildungsprozesse und die Machtposition einzelner Akteure bei der Generierung politischer Wahrheiten spielen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass analoge Medienformen auf die digitale Zirkulation von Halbwahrheiten und Fake News reagieren. So ermöglicht das analoge Format der Zeitschrift eine exklusive literarische Gruppenbildung, die im Gegensatz zu den neuen Teilöffentlichkeiten der sozialen Netzwerke alte Muster von Autorität und Autorschaft reaktualisiert. Während in der fluiden Anonymität des Web 2.0 der zirkulierende konspirative Verdacht selbst verdächtig wird, da durch die beschleunigte Kommunikation der Netzwerke Wahrheit selbst zu einem diskursiven Phänomen wird, setzen Zeitschriftenformate auf die Autorität des gedruckten Wortes. Sie legitimieren sich stärker als die im Netz kursierenden Verschwörungsgerüchte durch einen Pseudo-Szientismus, den Verweis auf scheinbar objektive Quellen und die Expertise des Autors.

Narrative Verfahren: Die imaginative Kraft des Politischen

Wie in kaum einem anderen politischen Diskurs als dem rechtspopulistischen wird hier die realitätskonstruierende Kraft des Erzählens sichtbar. Ob bei der Erzeugung von Identität (Nation, Volk, Familie), diskursiven Strategien der Ausgrenzung, konspirativen Kausalketten, affektiv aufgeladener Hassrede oder rhetorischen Provokationen – das schöpferische Potential von Fiktionen bestimmt die Rhetorik des Populismus. In der Politikwissenschaft wurden darum in den letzten Jahren vermehrt narratologische Ansätze virulent, welche die genuine Literarizität des politischen Diskurses thematisieren (vgl. Gadinger et al. 2014; Müller et al. 2019). So spielt gerade die populistische Rhetorik mit der «ontologischen Indifferenz» (Koschorke 2012: 16) des Erzählens, indem es die Unterscheidung zwischen real und irreal oder wahr und falsch unterläuft. Die literaturwissenschaftliche Analyse soll so neben einer narratologisch fundierten Textanalyse die wechselseitigen «Allokationen von Wahrheit» (ebd.: 17) im Prozess politischer Selbstverständigung aufzeigen – und so das latente imaginative Fundament des Politischen sichtbar machen.