Unter Populismusverdacht. Politisches Erzählen im Zeichen des Postpolitischen

Das Aufsatzprojekt vergleicht zwei französische und zwei deutsche Romane im Hinblick auf ihr politisches Erzählen im Zeichen des Postpolitischen. Obwohl Michel Houellebecq den Vorwurf einer popkulturellen Selbstvermarktung weit von sich weisen würde, sind bei ihm Fiktion und öffentliche Inszenierung kaum mehr zu trennen. Autor und Romanwerk stehen nicht erst seit „Unterwerfung“ (2015) gleichermaßen unter Populismusverdacht. Dabei äußert sich das Politische in Houellebecqs Romanen weniger in rechtspopulistischen Narrativen als in der Kritik an einem nur mehr warenförmigen Liberalismus. Die Inszenierung von trivialen Alltagspraktiken, von Sex und Massenkonsum erweist sich in ihrer politikverdrossenen Dekadenz aber als explizit politisch. Denn vor einem kapitalismuskritischen Theoriegerüst ist Houellebecqs gesamtes Romanwerk gespickt mit Konkurrenz- und Verdrängungsängsten, die er ebenso in seinen Reden und Interviews (herauf)beschwört. Ganz anders die feministische Schriftstellerin Virginie Despentes: Sie hat mit „Vernon Subutex“ (2015-2017) eine Romantrilogie vorgelegt, die zwar ähnlich ungeschönt-vulgär von einer Abstiegsgeschichte erzählt, dabei aber kein monotoner Abgesang auf den Pluralismus ist, wie ihn Houellebecq anstimmt, sondern ein Gesellschaftspanorama, das Populismus und Protest vielstimmig zusammenbringt. In dem von Houellebecqs und Despentes Romanen aufgeworfenen Spannungsfeld zwischen ‚linker‘ und ‚rechter‘ Gesellschaftskritik lassen sich auch Juli Zehs „Leere Herzen“ (2017) und Monika Marons „Munin oder Chaos im Kopf“ (2018) verorten. Beide Autorinnen stehen in der Kritik, weil sie Literatur ihren moralischen (Zeh) oder demokratiefeindlichen (Maron) Botschaften unterordneten. Aber verwischen hier tatsächlich die Grenzen zwischen künstlerischem Schaffen und politischer Agitation oder werden vielmehr gesellschaftspolitische Dynamiken beobachtet und (satirisch) vor Augen geführt? Weigern sich Houellebecq und Maron lediglich, der Literatur eine moralische Botschaft mitzugeben oder wird realistisches Erzählen bei ihnen in den Dienst einer reaktionären Moralkritik gestellt? Und auf welche Weise könnten die Romane von Despentes und Zeh eine alternative Lektüre postpolitischer Gesellschaften präsentieren? 


Von der ‚urban legend’ zum Verschwörungsgerücht. Die Politik moderner Sagenbildung

Das Aufsatzprojekt möchte den Stoff bekannter urban legends auf seine gesellschaftspolitische Relevanz hin hinterfragen, indem deren narratologische und mediensoziologische Funktionsmechanismen äquivalent zu aktuell kursierenden„Verschwörungsgerüchten“ (Butter 2018) in den sozialen Netzwerken untersucht werden. Urban legends sind seit den 1930er-Jahren ein vieldiskutiertes Objekt der volkskundlichen Erzählforschung, obwohl oder gerade weil sie nicht nur wahrheits-, sondern auch strukturontologische Probleme aufweisen. Zum einen verbreiten sie sich wie Gerüchte nach dem sogenannten FOAF-Modell (Friend of a friend), was erstens die unsichere Quellenlage verschleiert, und zweitens den ‚audience effect’, die Bedeutung der Zuhörerschaft, betont. Zum anderen vermischt sich in dieser Gattung der modernen Sage Reales mit Elementen des kollektiven Unbewussten (Petzoldt 2002). Urban legends bewältigen Gegenwart im Modus des Vergangenen, indem sie einerseits auf tradiertes (Nicht-)Wissen rekurrieren, andererseits ihren Stoff thematisch und formal an den neuen Krisen und Medien der Gegenwart aktualisieren. Indem sie vor allem von Verlusterfahrungen erzählen, binäre Dichotomien errichten und Affekte mobilisieren, sind moderne Sagen auch kulturell fabrizierter Ausdruck von Angst. Dies äußert sich vor allem in xenophoben Narrativen („Die ausländischen Nachbarn/Flüchtlinge haben mein Haustier gegessen!“), homophoben Aids-Gerüchten („Aids-Mary“, bewusst platzierte Aids-Erreger in Nahrungsmitteln und öffentlichen Gebrauchsgegenständen) sowie konspirativen Kontaminationsgeschichten aller Art (verseuchtes Trinkwasser, Chemtrails etc.). Trotzdem stand eine dezidiert politische Verortung bisher hinter ihrer Mediatisierung als popkulturelles Phänomen zurück, was zu der Popularisierung und Normalisierung rassistischer, antisemitischer und sexistischer Positionen beigetragen haben könnte. Diese Problematik möchte das Aufsatzprojekt genauer beleuchten.


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Lea Liese

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