Das Teilprojekt „Partisanen des Wortes. Der gespaltene Ideenhaushalt der Postmoderne“ entwickelt eine Genealogie des postmodernen Denkens im deutschsprachigen Raum, das in seinem Unbehagen an der Moderne deren soziale Imaginationsformen reflektiert.

Gegenstand dieses Teilprojekts sind Theorien und Fiktionen, die an den Rändern des öffentlichen Diskurses wuchern, die in alternativen Kleinverlagen wie Merve und Matthes & Seitz oder subkulturellen Zeitschriftenprojekten wie Tumult oder Konkursbuch verlegt werden. In ihnen wird nicht nur der gesellschaftliche Normenhaushalt problematisch, sondern auch das, was gemeinhin unter Gesellschaft verstanden wird. Das postmoderne Denken an den publizistischen Rändern kann insofern als ein Laboratorium der sozialen Imaginationen verstanden werden, in dem das Unsagbare mit dem Sagbaren, Zukünftiges mit dem Vergangenen verknüpft wird.

Auffällig ist, dass dieses randständige Erzählen gespalten ist. Vor-moderne und vor-rationale Bilder und Figuren finden sich neben hypermodernen Zukunftsfiktionen, auch linke und rechte Narrative lösen sich ineinander auf. Begriffe wie Revolte, Partisan oder Untergang fungieren als ambivalente Bewegungsbegriffe, die zwischen semantischen Grenzen vermitteln.

Ebenso kann nicht mehr genau getrennt werden, was noch Theorie und was schon Fiktion ist. Theorien bedienen sich figurativer Darstellungen, Bilder und fiktionaler Erzählformen, durch die sie eine erfahrbare Gestalt erhalten, die affektiv bearbeitet werden kann. Umgekehrt dringt die Theorie in die Literatur ein, Romanfiguren werden zu zeitdiagnostischen Sozialfiguren, sie lesen nicht nur Ernst Jünger, sondern schlagen sich durch chiliastische Endzeitszenarien, die von Heilsversprechen suspendiert wurden.

In dieser Unordnung des Zeichenmaterials und seiner narrativen Darstellungsformen werden gleichzeitig die Ordnungsstrukturen von Gesellschaft irritiert – und dadurch bearbeitbar.

Das Teilprojekt ist zusammengefasst eine andere Ideengeschichte der späten BRD. Es möchte die Erzählungen über die Schattenseiten der Vernunft ausleuchten und deren imaginäre Bearbeitungsformen rekonstruieren.

Dadurch wird es gleichzeitig zu einer Geschichte der Imaginationsformen, die die Rolle der Fiktionen für die Bearbeitung gesellschaftlicher Ordnungskrisen aufzeigen möchte.

Es ist eine Geschichte der kleinen Formen, in denen das Wesentliche in Paratexten, in Skizzen, Aphorismen, Diskussionsprotokollen oder Tagebucheinträgen verhandelt wird.

Es ist eine Geschichte des Transfers von französischer Theorie und deutschem Denken, von faktualen und fiktionalen Erzählformen oder der Übertragung und Neukonfiguration von symbolisch-politischem Zeichenmaterial.

Dadurch wird das Teilprojekt schließlich auch zu einer Literatursoziologie des intellektuellen Denkens und ihren Geschichten der Abkehr und Umkehr von politischen Zugehörigkeiten.

Ausgewählte Publikationen

Carolin Amlinger: Männer in der Krise. Der fragile Körperzustand der Spätmoderne in der konservativen Gegenwartsliteratur (Tellkamp, Strauß), in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL) Jg. 47/H. 1 (2022). (peer reviewed) (in Vorbereitung)

Carolin Amlinger, Nicola Gess: Die Tücken der Wahrscheinlichkeit. Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien und Ilja Trojanows Doppelte Spur, in: Tatsachen und Fiktionen. Die Frage nach den Fakten, hrsg. von Carina Breidenbach, Ines Ghalleb, Dominik Pensel, Katharina Simon, Florian Telsnig und Martin Wittmann. (in Vorbereitung)

Carolin Amlinger: Men make their own history. Conspiracy as counter-narrative in the German political field, in: Plots: Literary Form and Cultures of Conspiracy, hrsg. von Ben Carver/Dana Craciun/Todor Hristov. London/New York: Routledge 2021 (im Erscheinen).
Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: Sozialer Wandel, Sozialcharakter und Verschwörungsdenken in der Spätmoderne, in: Aus Politik und Zeitgeschichte Jg. 71/H. 35-36 (2021) (Verschwörungstheorien), S. 13-19. Link
Carolin Amlinger: Kartographie der Paranoia. Konspiration, Kritik und Imagination in F.J. Degenhardts Brandstellen, in: Kulturwissenschaftliche Zeitschrift Jg. 5/H. 2 (2020). (peer reviewed) Link
Carolin Amlinger, Simon Spiegel, Solveig Nitzke, Andreas Anton und Johannes Pause) Verschwörungstheorien als narratives Phänomen, in: Zeitschrift für Fantastikforschung Jg. 8/H. 1 (2020). Link
Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: Sie stellen die Realität der Realität in Frage. Theorien von Ulrich Beck und Luc Boltanski eröffnen soziologische Perspektiven auf das Corona-Rebellentum, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.02.2021. Link
Carolin Amlinger, Nicola Gess: Schamanen gegen die Macht des Virus. Verschwörungstheoriker*innen als Sozialfiguren der Corona-Pandemie, in: KWI-BLOG 15.02.2021. Link
Carolin Amlinger: Heroischer Klimbim. Eine neue literarischer Generation junger Konservativer ist verzückt vom Untergang, in: Jacobin, 2 (15.09.2020). Link
Carolin Amlinger, Nicola Gess: reality check. Wie die Corona-Krise kriti­sche und weniger kriti­sche Theo­rien auf den Prüf­stand stellt, in: Geschichte der Gegenwart 01.07.2020. Link
Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: Sie haben noch etwas zu sagen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 27.05.2020, S. N3. Link
Carolin Amlinger: "Rechts dekonstruieren. Die Neue Rechte und ihr ambivalentes Verhältnis zur Postmoderne", in: Leviathan Jg. 48/H. 2, S. 318-337. (peer reviewed) Link
Carolin Amlinger: "Männerkörper und Textphantasien. 'Männerphantasien', literaturwissenschaftlich gelesen", in: Merkur Jg. 74/ H. 850 (März 2020), S. 65-74. PDF

Weiterführende Informationen & Kontakt

Universität Basel
Carolin Amlinger

Deutsches Seminar
Nadelberg 4
4051 Basel